Margarethe Schütte-Lihotzky: „Es war mir immer wesentlich in meinem Beruf und auch außerhalb desselben, mit allen meinen kleinen Mini-Mini-Kräften dazu beizutragen, dass ich schließlich aus einer besseren Welt scheide als derjenigen, in die ich hineingeboren war.“

1926

Die 1920er Jahre sind von Armutsymptomen in der Gesellschaft gekennzeichnet. Die Avantgarde hofft mit technischem und gestalterischem Fortschritt Misstände zu beseitigen. In Frankfurt wird der Architekt Ernst May zum Stadtbaurat berufen, um moderne Siedlungen nach Vorbild der Gartenstadt zu bauen, er selbst holt Margarethe Schütte-Lihotzky aus Wien, die sich im Entwurf von Küchen profiliert hatte.  Nach einer Studie auf Grundlage des tailorschen Prinzips wird 1926 die Frankfurter Küche vorgestellt, über 10000 Wohnungen und Häuser werden damit bestückt. Schütte-Lihotzky entwarf drei Typen: Typ 1 war die kompakteste, hier war alles mit einem Handgriff erreichbar und die gewünschte Verkürzung der Arbeitsgänge funktionierte am besten. Innovationen betrafen auch Details: Töpfe zum Trocknen im Schrank in dem Luft zirkuliert, eine Schublade unter der Arbeitsplatte für den Abfall usw. Typ 2 und 3 der Frankfurter Küche sind weitaus seltener und treten auch häufiger in Farbvarianten auf, wie etwa in gelborange oder ockergrau. Beachtenswert sind die lachsfarbenen Wandfliesen, sie sorgen für eine angenehme Reflektion des Lichts. Neben den offiziellen Fotos gibt es auch ein anderes zeitgenössisches das des Fotografen Dr. Paul Wolff, das er auf einer Ausstellung gemacht hatte, es zeigt eine hellere Version der Küche.Anders als die Spanplattenküchen seit den 1950er Jahren musste die Frankfurter Küche nie einem Massenpublikum gefallen. Sie durfte konsequent sein, solange alles funktional begründet war. Und das diese Funktionalität auch ästhetisch überzeugt, daran dürfte kein Zweifel bestehen.

EINE BEGEGNUNG

Kurz nach der Jahrtausendwende spazierte ich als architekturinteressierter Industriedesignstudent alle Siedlungen sowie einige Einzelhäuser des neuen Frankfurt ab. Eines davon war das Haus am Grethenweg in dem Margarethe Schütte-Lihotzky gewohnt hatte. Als ich dort Fotos machen wollte, rief mir ein älterer Herr zu: „Die habe ich alle gekannt, auch die Architektin, die wohnte da oben. Und die haben gefeiert, später gingen sie in die Sowjetunion“. Ich versuchte ein bischen mit dem Mann allgemeiner ins Gespräch zu kommen: „Ist dieser frühe Manta Ihr Auto?“ Er bestätigte und sagte er könne den Wagen aufgrund seines Alters eigentlich nicht mehr fahren. Automobilisten wäre hellhörig geworden beim Anblick des silbernen Opel Manta A mit Vinyldach. Ich wollte nur wissen ob er in seiner Wohnung eine Frankfurter Küche habe und ob ich sie sehen dürfe. Er sagte er lasse nie Fremde rein. Ich sagte, dass er mir einen großen Gefallen tuen würde und er ließ mich gewähren unter der Bedingung niemanden von unserer Begegung und der Existenz der Küche zu erzählen und vorallem keine Fotos zu machen. Die Wohnung erfüllte alle Hoffnungen: Seine Eltern hatten die Wohnung als erste Mieter bezogen und das Interieur glich einer musealen Inszenierung: Leuchten, Möbel und selbst die Sanitärausstattung waren noch vom Erstbezug. Nur die Schütten in der Frankfurter Küche, sie dienten als Werkzeugkasten.

DAS FOTO

Von der Frankfurter Küche gibt es das von unbekannter Seite gemachte schwarz-weiß Pressefoto. In nur einem Bild kommt der Charakter der Küche gut zur Geltung.Während meines Studiums in Wien hatte ich eine Bekannte mehrmals im Museum für angewandte Kunst besucht, wo sie an der Dokumentation des Österreichischen Industriedesign arbeitete. Bei einer Gelegenheit nach dem Besuch fotografierte ich die Rekonstruktion der Küche. Ich wollte es dem historischen Vorbild gleich tun, und in nur einem Foto den Charakter treffen. Dieses neue Foto wurde später auch vom Österreichischen Schulbuchverlag ausgewählt und findet sich seitdem in dem österreichischen Standardgeschichtsbuch. Ein Honorar dafür lehnte ich trotz Anfrage mit der Begründung der gemeinnützigen Anwendung ab.

 

Text: Christos-Nikolas Vittoratos